Spielformen des Datens von Tizia Labahn

 

16:14 Uhr: Das fehlt jetzt noch: Pseudo-Macker in der U-Bahn.

Einer betritt den – meinen – Wagen, versprüht billigen Duft, Aldi-Deo, und trägt Stehkragen. Immerhin, besser als Schweiß oder Sternifahne. Breitbeinig lässt er sich nieder, neben mir, natürlich. Aus seiner Jogginghose ragt ein kleines Heft. Es sieht klebrig aus. Er zieht es raus und beginnt zu summen. Gedichtverse. Kurzer Hoffnungsschimmer. Mein Gott. Ein Kind weint erst, schreit dann, und ein Penner plärrt seinen monotonen Bettelruf durch den Gang. Ich weiß nicht, was mich mehr ablenkt, diese Poesie-Einlage oder das Kinder-Penner-Durcheinander drumherum. Als ich erneut zu Mister „So-mit-Schüttelreim-für-Mutter-rappen” rüber blicke, tippt er schon krampfhaft Herzchen in das Fenster bei Whatsapp. Ich steige aus.

16:24 Uhr: Location: Das „Sanatorium 32”. Eine für die Hauptstadt typische, „hippe“ Bar an der Frankfurter Allee. Trotzdem. Mich beschleicht das mulmige Gefühl, doch irgendwie am Arsch der Welt angekommen zu sein, fehl am Platz, noch bevor ich überhaupt da bin. An diesem Sonntag, bei schweißtreibender Hitze, tue ich das, wofür ich vor einigen Monaten nur Spott und Sarkasmus übrig hatte …

Dass wir uns nicht missverstehen: Ich mach’ das hier rein zu Forschungszwecken. Alle Versuche, mir einzureden, es könnte mit Ben zu tun haben, diesem Langweilertypen, der mich vor drei Monaten … Nein, den ich vor drei Monaten in die Wüste geschickt habe, sind zwecklos. Das ist dermaßen lächerlich. Der Typ war ‘n Reinfall. Und mir geht’s super. Ich bin frei. Und ich glaube nicht an den Sinn solcher Veranstaltungen. Ich will nur mal gucken. Feldforschung, klar?

16:35 Uhr: „Ähm, hallo. Ich bin hier zum Speed-Dating angemeldet.“ „Na herzlichen Glückwunsch. Worauf warten se denn dann? Soll ick noch ne Konfetti-Rakete knallen lassen?“ Für den Barbesitzer ist das wohl keine große Sache. Jede dritte Partnerschaft hat Umfragen zu Folge ihren Ursprung mittlerweile beim Speed-Dating. Wo hab ich das gelesen? War das jetzt ne wissenschaftliche Studie oder doch ein Werbeprospekt der Veranstalter? Diese Bar hier veranstaltet jedenfalls 15 Speed-Datings im Monat, hat also wahrscheinlich einen nicht unerheblichen Anteil am Zustandekommen solcher Statistiken. Wie dumm von mir, da meine unbedeutende Ankunft zu kommentieren. Ich wende mich zur Kellnerin und bestelle … eine Saftschorle (wen das wundert: es ist Sonntag und ich will hier auf keinen Fall die Kontrolle verlieren!). Ich setze mich an einen kleinen Bartisch, der mir – gerade so – bis zu den Knien reicht. Der Sitzhocker zwingt mich, eine äußerst unnatürliche, verkrampfte Körperhaltung einzunehmen. Auf den sorgfältig und platzsparend aneinander gereihten Tischchen liegt jeweils eine Getränkekarte in Periodensystem-Optik. Ich muss grinsen, hab ich mir ja ohnehin ausgemalt, hier weitestgehend auf Mathe-Physik-Chemie-Genies mit minus drei Dioptrin, mindestens, zu treffen. Wieso eigentlich? Und wieso bin ich dann hier? Ach ja, noch mal zu Erinnerung, auch für mich: Feldforschung. Ich beginne, mir beiläufig Notizen zu machen. Das hat zusätzlich positiven Nebeneffekt, dass ich beschäftigt aussehe. Ich will nämlich eigentlich gar nicht angesprochen werden, bevor das Spiel offiziell los geht. Alle anderen Gäste des „Sanatorium 32”, die hier übrigens scherzhaft als „Patienten“ bezeichnet werden, offenbar auch nicht. Man vereinzelt sich, guckt zu Boden. Und es gibt allerlei merkwürdige Cocktails: „True-Love-Margaritha“, „Truth-Or-Dare-Martini“, „Quicky-on-The-Beach“, „First-Sight-Shots“. Ich bleibe bei Apfelsaftschorle.

16:40 Uhr: Mit verschwitzten Händen schmiere ich mit nun doch etwas flauem Gefühl im Magen auf dem Smartphone rum, um noch mal die E-Mail vom Veranstalter zu lesen. Gute Vorbereitung ist alles. „Am Tag des Speed-Datings wirst Du zur vereinbarten Uhrzeit von einem unserer Mitarbeiter, dem sogenannten ‘Love Angel’, empfangen. Sobald alle Teilnehmer eingetroffen sind, gibt der Love Angel den Startschuss zum Speed-Dating. Gerne beantwortet der Love Angel jederzeit Eure Fragen.“ Jetzt ist mir nicht mehr nur flau, sondern schlecht. Wieso steht da gleich drei mal „Love Angel“ in dem kurzen Absatz? Wiederverzauberung mit dem Holzhammer? Und mit Hipster-Brille. Die untersetzte Berliner Schnauze von vorhin ist tatsächlich der „Love Angel”. Das muss Taktik sein. Wäre der „Love Angel” ein adretter Jüngling oder eine fesche Blondine, würde das Konzept hier wohl nicht gut aufgehen. Keine falschen Hoffnungen wecken.

16:45 Uhr: Ein Mann betritt die gefühlt jetzt tropisch heiße Bar. Hätte ich mir nicht vorgenommen, mir als gute Feldforscherin sarkastische Vorurteile über potenzielle Kandidaten zu verkneifen, würde ich jetzt sagen: Marke Muttersöhnchen. Aber auch als guter Ethnograph, als dichter Beschreiber à la Geertz, muss man sich schon Mühe geben, diesen Code von der Selbstentlarvung abzuhalten. Weißes Hemd, darüber ein brauner Pullunder. Dezente Musterung. Feiner Strick. Saubere Rauten. Spitze an Spitze. Nein, ich bin mir sicher, das ist kein Vintage, das meint er Ernst. Ohne sich umzusehen, schon gar nicht nach mir, bestellt er Latte Macchiato – Klar, bei dem Wetter! – und setzt sich nach draußen, um dort hastig an einer Zigarette – Sieh an, wenn das Mama wüsste! – zu ziehen. Mit den Klamotten könnte er doch wenigstens selber drehen, nicht so gekonnt lässig wie diese Hippie-Typen, mit einer Hand in der Jackentasche, sondern mit ausgebreitetem, gut gereinigtem Utensil, als verspätete Zivilisationsgeste, und mit spitzen Fingern, all die Scham verbergend.

16:47 Uhr: Ein kleiner, dunkelhaariger Mann, dessen Sakko fast bis zu seinen Knien reicht, verdrängt den Macchiato-Pullunder von meiner Bildfläche. Es wirkt, als wolle er seine Größe durch wilde Gestikulation kompensieren. Jedenfalls spricht er mit dem ganzen Körper, um eine  eine Cola – „mit viel Eis, ja?” – am Tresen zu bestellen. Ich fühle mich, als würde mich jeden Moment ein riesiger Laster überrollen.

16:51 Uhr: Groß und blond. Sein T-Shirt, seine jugendliche Umhängetasche und sein Armbändchen verraten seine Leidenschaft wie ein verzweifelter Restaurant-Besitzer den Gästenotstand, wenn er mit Ganzkörper-Werbetafel vor seinem eigenen Laden auf und ab läuft: Festivals. „Rock im Grünen“ steht eigentlich überall, wo genug Platz für einen Flex-Folien-Druck war.

16:55 Uhr: Endlich mal eine Frau. Zirka 1,60 Meter groß, blondes und lockiges Haar, etwas pummelig, kindliches Gesicht. Sie quetscht sich an den Tisch neben mir, auf diese selbst für ihre Größe viel zu niedrige Bank. Es sieht so aus, als säße sie in einer dieser Kindermalecken beim Arzt im Wartezimmer. „Und, warum bist du hier?“, fragt sie mich schüchtern, aber lächelnd. Sie will sich wirklich unterhalten. „Ach, nur mal gucken, reine Neugierde. Ich bin nicht so naiv zu glauben, hier meinen Traummann zu finden. Also unter uns: Ich bin eher so im Auftrag hier, verstehste, aber … psssst.“, antworte ich salopp und leicht überheblich, wissend, dass sie natürlich nicht versteht, was ich meine. Um mich nicht weiter erklären zu müssen, stelle ich die Frage zurück und hoffe, das Gespräch von mir wegzulenken. „Ja, haha. Also das wäre auch ein echtes Schnäppchen, wenn man hier für 17,50 Euro seinen Traummann mit nach Hause nehmen könnte.“, lacht sie. „Ich glaube da auch nicht so wirklich dran, aber es ist mal was anderes als diese oberflächlichen Dating-Plattformen im Internet.“, sie prostet mir mit ihrem Sektglas zu und nimmt einen kräftigen Schluck. „Ja, da hab ich schon die wildesten Geschichten gehört!”, gebe ich zurück und bereue es noch in der selben Sekunde, denn meine Gesprächspartnerin wird plötzlich rot und zappelig: „Oh gott, echt? Was denn? Ich dachte immer, das seien nur Vorurteile … Ich hab da nämlich ‘n Date mit einem, noch heute Abend, wenn das hier vorbei ist …” „Na, Du gibst es Dir ja!”, scherze ich, und besänftige im selben Atemzug: „Mach Dir keine Sorgen. Das sind ganz sicher nur Vorurteile. Die meisten da sind auch nur Menschen wie Du und ich, auf der Suche nach ein bisschen …” Was rede ich da?

17:02 Uhr: Auftritt „Love Angel”: „So Leute, ick erklär’ euch mal kurz die Spielregeln, jetzt wo wa alle da sind. Dit is’ die Glocke, die lass’ ick dann alle sieben Minuten klingen. Sobald ihr dit hört, jeht der Herr im Uhrzeigersinn an den nächsten Tisch. Bitte verwendet zu jederzeit Eure Pseudonyme und nicht Eure echten Namen. Anschließend wählt jeder Kandidat seine Favoriten aus, die er wieder sehen will im Internet. Dafür habda 48 Stunden Zeit. Wenn beide Teilnehmer dit Jespräch jut fanden, dann tauschen wa die Kontaktdaten. So, dann wünsch ick Euch viel Spaß.“ Er schellt das kleine Glöckchen, drei Mal.

17:05 Uhr: Der erste Typ setzt sich zu mir in die Kindermalecke. „Hi, ich bin Jan“, seine schweißnasse Hand drückt meine etwas zu kräftig. „Das ist auch mein echter Name, wie lautet deiner?“

„Anna88“, erwidere ich trocken. „Dein echter?“, hakt er nach. „Nee, aber den sage ich Dir jetzt auch noch nicht, wozu sind denn die Pseudonyme sonst gut?“ Statt charmant zu kontern, sagt er: „Ach so, na ist schon O.K., kein Problem.“ Komischer Start. Er schaut verlegen auf den Boden, während ich nach den richtigen Worten suche, um die unangenehme Stille zu unterbrechen. „Was machst du denn so beruflich?“, frage ich schließlich. Auch nicht sonderlich originell. Ohne mich anzuschauen, reibt er seine Handflächen an den Schenkeln und antwortet: „Ich, also, ich bin in der Immobilienwirtschaft tätig. Verwaltung, Gebäudereinigung, sowas. Eigentlich ziemlich viel Verantwortung. Ich habe die Firma von meinem Vater übernommen und bin jetzt seit einem Jahr Geschäftsführer.“ „Ah, cool. Das ist ja toll, dass du schon so jung eine eigene Firma leitest“, schmeichle ich ihm. Vielleicht sollte ich jetzt beeindruckt sein, oder wenigstens neugierig und offen, aber mein Geertz-Sensorium lässt mich unerbittlich im Stich – er ist längst in einer Schublade. Und die klemmt ganz schön. Gebäudereinigung? Wuuuhuuu. Jetzt wäre ich wohl dran zu erzählen, was ich mache, aber ich warte noch einige peinliche Sekunden ab, bis er auch endlich fragt. „Äh, ja. Und was machst du?“ „Ich bin Bloggerin, ich schreibe so gesellschaftskritischen, melancholischen Kram, so wie fast alle Blogger eben.“, sage ich und versuche damit die Stimmung ein bisschen zu lockern, ohne Erfolg. Ich bin nicht sicher, ob das an meiner Einstellung zur Situation oder an der Situation selbst liegt. Er zuckt mit den Mundwinkeln, was vermutlich ein angestrengtes Lächeln sein soll, und wischt sich die glänzende Stirn mit dem Handrücken ab. „Tjaaa“, sage ich, „und hast du irgendwelche Hobbies?“ Hobbies. Habe ich ihn nach seinen Hobbies gefragt? O.K., spätestens jetzt dürft Ihr Euch für mich fremdschämen, aber im Ernst: Mir fällt gerade tatsächlich nichts besseres ein. Schlimmer noch. Die originelle Hobby-Frage habe ich mir nicht mal selbst ausgedacht, es gibt nämlich für jeden Teilnehmer einen Notfallzettel, kein Witz, wo man stereotyp vorbereitete Fragen ablesen und sich auch Notizen zu den Antworten machen kann. Er freut sich jedenfalls über die Frage, wird lebhaft: „In meiner Freizeit zocke ich Multiplayer-Onlinegames. WOW, GTA, WarCraft, Final Fantasy. Kennste, ne? Zusammen mit meinem Clan trete ich auch regelmäßig in der ESL gegen verschiedene Teams an, wir haben schon einige Preisgelder gewonnen, aber es geht uns vor allem um den Spaß am Spielen.“ Ich habe kein einziges Wort verstanden und nun noch weniger Interesse an einem weiteren Gespräch … Wie lange können sieben Minuten sein? „Ah, verstehe …“, setze ich an, als er sich nach vorn beugt, ein Stoff-Taschentuch (!) aus seiner Hosentasche zieht und seine Nase lautstark schnäuzt. „Entschuldige, ich habe eine schreckliche Pollen- und Gräserallergie“, kommentiert er das dann auch noch. In seinen Augen leuchten geplatzte Äderchen. Ich beende das Gespräch, wie er es begonnen hat: „Ach so, na ist schon O.K., kein Problem.“ Perfektes Timing. Das Glöckchen erlöst uns. Ungelenk befreit er sich aus der Kinderbank, um, noch immer das Taschentuch in der Hand, zum nächsten Tisch zu schnauben.

Dating2

17:12 Uhr: „Hallo, schöne Frau!“ Ich blicke auf und bin geplättet. BOOM! Wie aus dem Film „300” oder „Gladiator” entsprungen sitzt jetzt einer vor mir.

Auf seinem markanten Gesicht trägt er einen perfekt gepflegten Dreitagebart. Er strahlt mich mit einer schneeweißen Reihe von Zähnen an. „Hey, ähm. Ich bin Mia.“ Mist! Ich soll doch mein Pseudonym nennen. „Ich meine, äh, Anna88!“, füge ich hastig hinzu, als würde ihn das meinen echten Namen vergessen lassen. Oder meine mangelnde Selbstbeherrschung. „Haha, hallo Mia. Ich bin Robert.“, er streckt mir eine kräftige, aber samtig-weiche Hand hin. Ich drücke fest zu. Ich habe mal gehört, dass soll Selbstsicherheit ausstrahlen. Jetzt bloß nicht nervös werden, ich stelle schnell die unpersönlichste aller Fragen: „Hallo Robert, was machst Du denn beruflich?“ Meine Stimme klingt wie die eines kleinen Mädchens, das vor einem übergroßen Helden steht, mit Manga-Augen, den Kopf weit in den Nacken gelehnt, um bis zu ihm aufschauen zu können. „Ach, weißt du, ich selbst würde mich als Lebenskünstler, Freigeist, also sagen wir: Individualist bezeichnen.” Leute die sowas sagen, meinen eigentlich: Egoist. Taugenichts. Kiffer. Das ist mir gerade alles egal. Sind doch bestimmt auch nur – Vorurteile. Er fährt fort, ich lausche: „Ich lasse mich nicht gern in eine Schublade stecken“, philosophiert er weiter, während ich immer noch verträumt lächelnd und willenlos nickend eine silberne Kette mit dem Horusauge um seinen Hals, im V-Ausschnitt liegend, entdecke. Eine von Schmuck-Designern beliebte ägyptische Hieroglyphe. In der Pharaonenzeit sollte es als Amulett vor dem „bösen Blick“ und Unheil schützen. Und weil das noch nicht reicht, um die Anhänger für viel zu viel Geld am Touristenstand zu verkaufen, soll es außerdem Kraft und Fruchtbarkeit verleihen. Aber bei mir wirkt es auf einmal. Er wirkt stark. Und – ja, verdammt –, vielleicht hat das Amulett abstrahlende Effekte, denn plötzlich fühle ich mich ausgesprochen fruchtbar. Bevor mein Speichelfluss sich einen Weg bahnt, der mir äußerst peinlich wäre, versuche ich diesen und mich zu sammeln und den Anschluss an das Gespräch wiederzufinden: „Ah, das klingt wirklich, ähm, ja, idealistisch würde ich sagen.“ Er lächelt selbstgerecht. Puh, er scheint nicht bemerkt zu haben, dass ich keinen Schimmer habe, was er in der letzten Minute gesagt hat. „Und Du, Kleines, was treibt Dich hier her?“ Ich suche nach originellen, witzigen Worten für diese intime, und doch so naheliegende Frage. Mit der Feldforschung kann ich unserem Schubladen-Verweigerer jetzt wohl nicht kommen. „Ich suche nach so ‘nem Typen in ‘ner Rüstung auf einem weißen Schimmel, der mich aus dem Turm befreit und im Sturm erobert.” Oh Gott! Was rede ich da? Ich spüre Röte in meine Wangen schießen. Schnell versuche ich zu überspielen, dass ich befürchte, er könnte denken, dass ich das Ernst meine und sage: „Haha, äh, nee, also ich wollte es nur mal ausprobieren, ich bin schon seit ner Weile Single. Aber ich bin ohne große Erwartungen hergekommen. Und du?“ Amüsiert über mein Geplapper lacht er: „Ein Prinz auf ‘nem Gaul, ja? Ich fahre Motorrad, reicht Dir das für’s erste?“ Mir gefällt, dass er mir charmant aus der peinlichen Lage hilft und werde etwas selbstbewusster: „Kommt ganz drauf an, ist es wenigstens weiß?“ In diesem Moment klingt das Glöckchen. Er verlässt seinen Platz mit einem angedeuteten Handkuss und den Worten: „Find’s heraus.“

17:19 Uhr: „Hallo, darf ich mich zu dir setzen?“, murmelt der kleine Typ mit dem Sakko in Übergröße und in einer viel zu hohen Stimmlage mehr zu sich selbst, als zu mir. Er trägt eine schmale Brille, die seine Augen im Verhältnis zum Gesicht viel zu klein erscheinen lassen. Alles ist irgendwie unproportional an seiner Erscheinung. Auf seinem dunkelblauen T-Shirt ist die Evolution des Menschen abgebildet, die damit endet, dass der Homo Sapiens krumm vorm Computer sitzt. Sehnsüchtig blicke ich zu Robert rüber. Die Blondine vor ihm lächelt ihn verheißungsvoll an, während sie eine ihrer glänzenden Locken um ihren Finger wickelt … „Ich bin Moritz, mein Pseudonym ist auch Moritz.“, mein neues Date reißt mich aus aufkeimenden Konkurrenzdenken. Warum verwendet hier keiner sein Pseudonym? Jetzt also erst Recht: „Anna88, freut mich, Dich kennenzulernen.“ Damit ich Robert und die Blondine im Auge behalten kann, stelle ich zuerst die bewährte Frage: „Was machst Du denn beruflich, Moritz?“ „Nun“, krächzt er und räuspert sich dann, nachdem das erste Wort fast geräuschlos seinen Rachen verließ. „Ich beschäftige mich mit den Dingen, die das Universum im Inneren zusammenhälten.“ Ungeduldig dränge ich ihn, seine schwammige Aussage zu konkretisieren: „Ähm, was könnte das sein. Philosophie? Biologie?“. „Fast!“, grinst er verschmitzt. Jetzt ist er in seinem Element. Blöd nur, dass mein Element keinerlei Affinität zu seinem aufweist. „Physik ist mein Fachgebiet, ich schreibe zur Zeit meine Diplomarbeit. Dabei habe ich mich auf Astrophysik spezialisiert, das ist ein Teilgebiet der Astronomie.“ Also doch: Ein Ritter der periodischen Elemente, ich könnte ihn fragen, wie er das Design der Getränkekarte findet. Ob Selbstironie zum Repertoire eines Nerd, wie er im Buche steht, gehört? Ein Test wäre es wert. So ein bisschen wie die Garfinkel Experimente … Doch ohne mir eine Gegenfrage zu stellen, schwafelt er weiter: „Ja, und wenn ich mich nicht gerade mit den Fragen des Universums auseinandersetze, beschäftige ich mich in meiner Freizeit mit Metallverarbeitung und Elektronik. Für meinen Vater zum Geburtstag habe ich zum Beispiel vor kurzem ein Dolby Surround System aus einem alten Traktor-Verbrennungsmotor gebaut.“ Ich nicke und lächle und simuliere aktives Zuhören, während ich mich frage, ob er auch mal etwas über mich wissen will. Dann plötzlich der süße Klang des erlösenden Glöckchens, abgesehen von meinem Pseudonym kann ich mich nicht erinnern, weitere Worte während der gesamten sieben Minuten gesagt zu haben.

Vier weitere mehr oder minder amüsante Kurzdates später ziehe ich die letzten Tropfen meiner Apfelschorle hörbar durch den Strohhalm, zücke mein Portemonnaie aus der Tasche und stelle mich – neben Robert – an die Bar. Als sich unsere Blicke treffen, lächeln wir beide – recht bemüht. So schnell, wie wir uns kennenlernten, so schnell sind wir uns auch schon wieder fremd. Ich lege ein bisschen Kleingeld auf den Tresen, verlasse die Bar und ziehe mein Handy aus der Tasche. Auf dem Weg zur U-Bahn wischt mein Daumen von links nach rechts, von rechts nach links. Nein, nein, nein, ja, nein, ja, nein, nein, ja ok, nein, ja. „Congratulations, it’s a match! You and Jonas have liked each other“, teilt Tinder mir aufmunternd mit. Jonas, 27, mag Reisen, Surfen und ist drei Kilometer von meinem Standort entfernt. „Nachricht schreiben oder weiterspielen?“, fragt Tinder. Erst mal sehen, was es noch so gibt. Und wieder geht mein Daumen: links, links, links, rechts, rechts, links, rechts.