Erinnerung an die Zukunft von Christian Blümelhuber

Erinnerung an die Zukunft – oder: wie Belgien sich aufs Spiel setzte

Was eigentlich ist Europa? Ein Bürokratiemonster mit Demokratiedefizit, die Gleichzeitigkeit von Bevormundung und Bürgerferne, das inspirationslose Fehlen jeglicher Vision? Nichts als Fiskalpakt, Rettungsschirm, Schuldenbremse? Auslaufmodell, Schikaneapparat, Schreckgespenst? Ein Kontinent, der sich biologisch, kulturell, ökonomisch und politisch marginalisiert? Ein Historienpark für asiatische Touristen? Folgt man diesen aktuellen medialen Zuschreibungen, dann findet man die real existierende Europäische Union in einer nicht enden wollenden Formkrise. Kurz: Die Idee Europa ist weniger greifbar, weniger populär denn je. (1)

Ein Kernargument der flottierenden Negativ-Propaganda ist die Annahme, dass das aktuelle Europa zu wenig Spiel-Raum lässt.

Reglementiert bis zum Gehtnichtmehr, fühlt man sich um seinen natürlichen Bewegungsdrang gebracht. Das Heil findet man dann … im alteingesessenen Nationalstaat. Und Europa? Das verdiene ein zügiges, schmerzloses Dahinscheiden. Also lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Meine These – in der aktuellen politischen Großwetterlage unbequem, ja politisch völlig inkorrekt – lautet anders. Europa braucht, ich sage es unumwunden, einen Freitod. Eine revolutionäre Selbsttötung, die aber keine Rückkehr zum Nationalstaat ist, sondern dem europäischen Weg wieder eine Richtung, ein Ziel und damit eine Zukunft geben kann. Denn was könnte Europa alles sein: Eine Idee, für die es sich zu kämpfen lohnt, ein Sehnsuchtsort, die Avantgarde der Menschheit.

Schenken wir Europa ein Comeback, eine Wiedergeburt, eine Neuschöpfung. Dies alles kommt natürlich nicht umsonst: „There’s no such thing as a free lunch!“ (2), um es mit Milton Friedman zu sagen.

Der Preis für Europa heißt: Deutschland. Aber auch: Frankreich, Rumänien, Italien … kurz:

Europa kann dann aufblühen, wenn wir den Nationalstaat überwinden.

Europa braucht Deutschland nicht. Und wenn Belgien nicht existierte, wer würde sich die Mühe machen und den Ärger antun, es zu erfinden? Wer möchte noch nach Spanien, wenn man auch nach Andalusien fahren kann?

Europa selbst steht in meinem Konzept außer Frage. Man braucht es allein schon wegen des Godzilla-Effekts. Denn, ja, „Size matters“ – die Alte Welt muss Größe zeigen, um sich gegen die USA, Russland, China, bald vielleicht auch Indien, Brasilien und andere Weltregionen behaupten zu können (Crouch 2012). Am anderen Ende der Skala befindet sich die Region, die Trägerin kultureller Identität. Dazwischen – „Stuck in the Middle“, wie Strategie-Papst Michael Porter (Porter 2004) sagen würde –, als Fossil der Moderne, klemmt der Nationalstaat.

Cicero der Spieler

Apropos Russland: DER SPIELER titelt das Magazin CICERO (Ringier AG) im Januar 2016

 

Wenn wir mit der ökonomischen Literatur davon ausgehen, dass jede Einheit oder Organisation eine Strategie, verstanden als „creating fit“ bzw. „Disziplinierung“, braucht, um das Differente zu harmonisieren, so bieten sich Europa (wie allen anderen Organisationen auch) mindestens zwei Optionen: Einerseits kann Europa auf Regeln und Gesetze, andererseits auf Werte und Normen zurückgreifen: Nicht Embargos, Drohnen und Invasionsstreitkräfte sind Europas beste Waffen, sondern – so Mark Leonard – der Rechtsstaat, der Rechtsraum und die Rechtssicherheit (Leonard 2005). Ein stabiler Rahmen, in dem sich vortrefflich spielen lässt. Ein Rahmen mit verlässlichen Spielregeln, der kluge Schachzüge, strategische Zukunftsgestaltung und den kompetitiven Siegeswillen fordert und fördert. Einst Sache des Nationalstaats, löst sich dieses Institutionenskelett immer mehr von seinen Ursprüngen und geht auf die kontinentale Ebene über.

Am anderen Ende des Spektrums steht ein anderes Gerüst, das dem realen Leben als Halt dient: Die Kultur, die von „allen“ geteilten Werte, Normen und Traditionen. Man findet sie in der Region, vor Ort, in der „Heimat“ – ob Bayern, Baskenland oder Bretagne, Siebenbürgen, Seeland oder Schlesien, Wales, Walachei oder Wallonie.

Wo soll da noch Platz sein für den Einheits- und Machtstaat mit seiner einebnenden Gleichmacherei? Sein „added value“ ist gering, vielleicht sogar negativ. Denn schließlich verursachen zusätzliche architektonische Ebenen nicht nur mehr Produktionskosten (Aufrechterhalten von Parlamenten und der zugehörigen Ornamentik usw. usf.), sondern auch überflüssige Transaktionskosten (Coase 1937), wenn Steuereinnahmen verteilt werden oder um Gesetzgebungs- und Managementbefugnisse gekämpft wird. Wenn Europa also wirklich funktionieren soll, dann müssen wir Deutschland aufs Spiel setzen. Der Nationalstaat ist der Einsatz, mit dem wir auf der europäischen Ebene spielen.

Das erste Lob des Kleinstaats und der Regionen sang der Ahnherr der „Small is beautiful“-Bewegung, Leopold Kohr, ein verschrobener Salzburger Nationalökonom, Philosoph und Anarchist, der schon im Zweiten Weltkrieg die Zerschlagung der Riesenreiche forderte. Die Obergrenze für Staaten, die zufriedenstellend funktionieren können, taxierte er auf 15 Millionen Menschen. Je größer Staaten werden, desto mehr ethnisches und soziales Elend verursachen sie. Je ausgedehnter sie sind, desto stärker vernachlässigen sie die Peripherie. Kleinere und größere Länder, die ansonsten die gleichen Bedingungen haben, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Reichtumsentwicklung: Die großen verarmen, die kleinen prosperieren (Kohr 1957, Breisky 2010).

Was also spricht für den Nationalstaat? Letztlich sind es wohl nur … Emotionen – die Konservativität der Gefühle, die Sentimentalität gegenüber dem Vertrauten, die Schlichtheit der Gewohnheiten. Das gemeinschaftliche Unterstützen der Nationalmannschaften im Fußball oder beim Eurovision Song Contest.

Wenn wir diese emotionalen Loyalitäten neu ausrichten wollen, nämlich von der Nation hin zur Region und zu Europa, dann schlägt die Stunde der (geo)strategischen Kommunikation, des EU-Regio-Marketings sozusagen. Gefühlslagen, und das heißt in der Massengesellschaft, Gefühlsgroßwetterlagen, zu transformieren, ist immer schon eine Königsaufgabe des Marketings gewesen.

Jonglieren wir ein wenig mit den Zuschreibungen und schreiben Europa – im Sinne von: was wäre, wenn man die Staaten auflösen und die Regionen auf das Schild heben würde – spielerisch um. Dazu prognostizieren wir die Zukunft Europas nicht, was in flüchtigen Kontexten, wie sie Zygmunt Bauman (Bauman 2011) geschildert hat, auch ganz und gar unmöglich wäre, sondern erinnern uns an die Zukunft Europas – um sie schließlich entstehen zu lassen: Jeder Spieler nimmt Züge vorweg, kalkuliert mit zukünftigen Stellungen, prozessiert den Raum des Möglichen. Denn auf die wohlwollende Annahme des Noch-nicht-Geschehenen darf man nur hoffen, wenn es Anknüpfungspunkte gibt. Wenn anterograde Anschlusskommunikationen verfügbar sind. Wenn die Zukunft schon bekannt ist. Deswegen gibt es Concept Cars, um das Automobildesign der Zukunft in der Erinnerung zu verankern; High Fashion, um Prêt-à-porter von morgen zu ermöglichen; TV-Serien, um weibliche (Commander in Chief) oder afroamerikanische (24) Präsidenten in den Raum des Möglichen zu holen. Ohne spielerische Vorwegnahme der Zukunft: No Future! Ohne durchgespielte Zukunft keine reale Verwirklichung des Noch-nicht-Manifesten. Experimentelles „Spielen“ ist ein Grund-legendes Antezedens der Realität von morgen. Ohne Memories of the Future (Ingvar 1985), die Erschaffung einer fiktionalen Welt im Spiel, keine Revolution namens Nationalstaatenliquidierung.

Verlegen wir unser Spielfeld nach Belgien. Ende 2006, als gerade die dritte Adventskerze angezündet wurde, bat RTBF, der Sender der frankophonen und -philen Bevölkerung „Belgiens“, zum Tanz. Dem Spiel, dem (fast) kein Belgier – ob Flame, Wallone, Angehöriger der deutschen Minderheit oder was auch immer – entkam. Vielleicht hatten die Macher Orson Welles‘ Vertonung des Romans „Krieg der Welten” im Sinn und als Vorbild (3) , als sie mit einer fingierten Nachrichtensondersendung on air gingen, in der man erfuhr: Belgien ist Geschichte, der König bereits außer Landes. Straßenbahnen wurden an der Grenze zwischen beiden Landesteilen, Flandern und Wallonien, gestoppt. Echte Politiker, einige eingeweiht, andere nicht, lobten oder kritisierten das Ende des Staats, der von Anfang an ein „Kunstprodukt“ war. Zunächst blendete der Sender den merkwürdigen Hinweis ein, dies sei „vielleicht keine Fiktion“, erst nach politischer Intervention verlautete man, es handele sich definitiv um eine solche. Neun von zehn Zuschauern glaubten zwischenzeitlich die Nachricht vom Ende Belgiens. Sechs Prozent waren davon auch dann noch überzeugt, als klargestellt wurde, dass alles ein riesiger Fake gewesen war. Die Erinnerung an die Zukunft des verblassenden Belgiens bediente sich des öffentlich inszenierten Skandalons, um maximale Aufmerksamkeit zu generieren, erreichte damit viele, wenn nicht alle Noch-Belgier und zahllose europäische Noch-nie-Belgier. „Bye, bye Belgium!“ (Dutilleul 2006) – eine Zukunftserinnerung, die das Land wenig später einholte, als Belgien von Mitte 2010 bis Ende 2011 ohne Regierung war.

 

Dass es sich „nur“ um ein Spiel handelte, dass es „lediglich“ darum ging, eine alternative Realität durchzuspielen, verschleierte sich den gebannt vor dem Bildschirm sitzenden Zuschauern. Wo die Realität aufhörte und die Fiktion anfing, verwischte, verschwamm und geriet außer Kontrolle. Anders gesagt: Das Ende Belgiens war für einige Minuten real. Und es bleibt real, insofern es sich in Diskurse und Gedächtnisse eingeschrieben hat. Und es wird real, wenn Belgien und Europa (irgendwann) den Nationalstaat aufgeben. Und das kann nur passieren, wenn es „prepared minds“ gibt (Beinhocker 2007), die gestern schon ahnten, was morgen – noch – nicht, übermorgen aber dann doch wird eintreten können. Die RBTF-Sendung war eine Präparierung des Bewusstseins, ein strategisches Spiel, eine Sammlung von Zukunftspartikeln, ein Probehandeln, eine mentale Zeitreise. Die Fiktion des auseinanderbrechenden Belgiens verhielt sich zur Politik wie die Sissi-Filme zur romantischen Liebe (4): als eine Art melodramatische Propaganda (freilich ging es dort um die Hochzeit, hier um die Scheidung).

Warum eigentlich sollen die Regionen nicht das Nationalstaatenprinzip, welches zwar nicht der realen EU, wohl aber dem idealen Europa im Weg steht, transzendieren? „Metropolregionen mit regionaler Governance“, so eine längst hochoffizielle Formel, gehört die Zukunft, in der Europa mehr sein kann als die Organisation von Transferleistungen. Katalonien, Schottland und Bayern, Tirol, Grönland und Korsika sind die ersten Kandidaten für solche „nations in hope“ (Bauman 2011), aber warum nicht auch Piemont, Asturien und Sachsen, Wales, Normandie und Kreta?

Um das Neue irgendwann für Normalität halten zu können, darf es – und hier können wir der Information Integration Theory und dem Netzwerkmodell der Psychologie folgen (z. B. Anderson 1981, Collins/ Loftus 1975) – nicht völlig fremd sein. Spielerische Techniken des Vor-, Um- und Einschreibens ermöglichen reale Veränderungen, indem sie Gedächtnisinhalte und -strukturen umformen. Das Durchspielen fiktionaler Welten stellt Narrative bereit, an die man sich künftig wird erinnern können. Das ehedem Undenkbare wird so in den Raum der Akzeptanz integriert – und damit nicht nur denkbar, sondern auch erzählbar, möglich und wahrscheinlich.

Die Innovation wird zum abrufbaren Gedächtnisinhalt und damit zu erinnerbarer Zukunft.

Die Basken haben, wie auch die Katalanen, eine eigene Fußballnationalmannschaft. Obwohl beide Mannschaften nicht offiziell anerkannt sind, hat die UEFA mit aktuell 54 Mitgliedsverbänden mehr Mitglieder als Europa Staaten. Europa wiederum hat deutlich mehr Staaten als noch vor einem halben Jahrhundert – nicht nur die Riesenreiche sind seither zerfallen. Zu den Hauptbegabungen der Nachkriegsgeschichte gehört zweifelsohne die Staatenneubildung, die proliferierende Aufspaltung größerer Einheiten, die schleichende Transformation von Staaten in Regionen.

Vieles, was einst undenkbar war, ist längst keine Aufregung mehr wert, wie auch der Soziologe Salvador Cardús (Cardús 2011) notiert: „Independentism has now become normal ideological currency. The independence debate has become natural“. Deswegen, lieber Leser, empfehle ich folgendes Spiel: Gründen Sie Ihre eigene Mikronation. Und erschaffen Sie so eine, Ihre spannende Zukunft Europas. Die Schritt-für-Schritt-Bastelanleitung steht – wo sonst? – im Netz: http://www.wikihow.com/Start-Your-Own-Country.

 

Anmerkungen:

(1) Der Text ist vom Autor 2014 verfasst worden.

(2) So der Titel eines Buchs von Milton Friedman, das u. a. seine „berühmten“ Playboy-Interviews enthält: There’s no such thing as a free lunch (Friedman 1975)

(3) Im Oktober 1938 vertonte der junge Orson Welles den Roman seines Fast-Namensvetters H. G. Wells, Krieg der Welten, als Radiohörspiel. Er verlegte die Story in die USA, nach New Jersey, und gestaltete sein Hörspiel im Reportage- und Nachrichtenstil. Nach einem Meteoriteneinschlag überfallen Außerirdische die Ostküste südlich von New York. Die Menschen, die sich ihnen entgegenstellen, fallen wie die Fliegen. Mehr und mehr Raumschiffe landen, es beginnt eine unvorstellbare, grauenhafte Invasion aus dem All. Bis nach Manhattan, ins Herz der nordamerikanischen Zivilisation, dringen die Aliens vor, bis omnipräsente Kleinstlebewesen, nämlich Bakterien, dem Spuk ein Ende machen. In New York und Umgebung vor allem, aber nicht nur dort, soll es zu Massenpaniken gekommen sein. Die Leute saßen dem Reportage-Schwindel auf, glaubten, der jüngste Tag sei gekommen. Sie flüchteten ins Freie, in Parks, Krankenhäuser, Kirchen und andere öffentliche Räume, auch Polizeireviere waren plötzlich gut besucht. Das Schreckensszenario wurde für bare Münze genommen. Die Grenze zwischen Realität und Fiktion wurde durch Welles‘ spektakulären Schwindel aufgehoben, die Kunst enterte die Wirklichkeit und spielte ein aufsehenerregendes Spiel der Täuschung, führte ein kreatives Kunststück, eine Komplettillusion auf.

(4) Chris Segrin und Robin Nabi konnten nachweisen, dass der intensive Konsum von „romantischen Serien“ zu unrealistisch-idealistischen Erwartungen an dauerhafte Beziehungen in Form der Ehe führt: Does Television Viewing Cultivate Unrealistic Expectations About Marriage? In: Journal of Communication. Vol. 52, No. 2, 2002: 247-263.

(5) letzter Aufruf: 16. Februar 2015

Referenzen:

Anderson, Norman H. (1981): Foundations of Information Integration Theory. New York.

Bauman, Zygmunt (2011): Culture in a Liquid Modern World. Cambridge, Malden.

Beinhocker, Eric (2007): Die Entstehung des Wohlstands. Wie Evolution die Wirtschaft antreibt. Landsberg.

Breisky, Michael (2010): Groß ist ungeschickt. Leopold Kohr im Zeitalter der Post-Globalisierung. Wien.

Cardús, Salvador (2011): A reference point for public opinion. In: Strubell, Toni (Hg.): What Catalans Want: Could Catalonia be Europe’s Next State? Barcelona, S. 24-29.

Coase, Ronald H. (1937): The Nature of the Firm. In: Economica, Vol. 4, No. 16, S. 386-404.

Collins, Allan M. & Loftus, Elizabeth F. (1975): A spreading activation theory of semantic processing. In: Psychological review, Vol. 82, No. 6, S. 40-428.

Crouch, Colin (2012): Der europäische Netzwerkeffekt. In: FAZ v. 14. August 2012.

Dutilleul, Philippe (2006): Bye-bye Belgium (Opération BBB): L’evenement Televisuel. Loverval.

Friedman, Milton (1975): There’s no such thing as a free lunch. Illinois.

Ingvar, D. H. (1985): Memory of the Future: an essay on the temporal organization of conscious awareness. In: Human Neurology, No. 4, S. 127-136.

Kohr, Leopold (1957): The Breakdown of Nations. London.

Leonard, Mark (2005): Why Europe Will Run the 21st Century. London, New York.

Porter, Michael (2004): Competitive Strategy. New York, London, Toronto, Sydney.

Segrin, Chis & Nabi, Robin (2002): Does Television Viewing Cultivate Unrealistic Expectations About Marriage? In: Journal of Communication. Vol. 52, No. 2.