Die Invasion des Interieurs

Die zeitgenössische Rede von einem erweiterten Architekturbegriff verlangt auch nach einem erweiterten Wohnbegriff. Wenn sich Architektur nicht mehr länger nur mit architektonischen Objekten beschäftigt, sondern mit sozialen Prozessen, mit Gebrauch, Konsum, Kommunikation und Transport, mit Information, Transformation und Aneignung, dann kann auch das Wohnen nicht länger als ein geschlossener euklidischer Raum konzipiert werden, der den Bewohner vor Witterung bzw. Öffentlichkeit schützt, sondern muss als eine spezifische Situation des Subjektes verstanden werden, die tief verflochten ist mit kulturellen, sozialen, technologischen, politischen, ökonomischen und nicht zuletzt künstlerischen Diskursen. Wenn die Architektur aus sich selbst hinausweist, dann sollte man auch dem Wohnen aus der Wohung heraus folgen. Vor 103 Jahren – also zu einer Zeit fortgeschrittener Urbanisierung, der Etablierung von abgetrennten Zimmern, Mietwohnungen, einer gestiegenen Anonymität in den entstehenden Großstädten – formulieren die italienischen Futuristen eine Vision des modernen Subjektes. Sie verlangen nach einer umfassenden Zirkulation und Vernetzung, überwältigt von den technischen Entwicklungen, den Errungenschaften einer zunehmend verklärten Moderne, von Motorrädern, Eisenbahnen, Dampfschiffen und Telefonen. Es geht Ihnen nicht länger um eine diachrone Geschichte, sondern um eine globale Synchronizität, innerhalb derer sich jeder selbst als Zentrum setzen kann. Der sozialrevolutionäre, bessere Mensch, zusammengefügt aus einer neuen Symbiose von Technologie und Humanität und zumindest bei den italienischen Futuristen mit einer Affinität zur faschistischen Ideologie, findet auch im russischen Konstruktivismus Zustimmung und gelangt unter anderem durch Moholy-Nagy nach Weimar. Hier formuliert sich im Bauhaus eine Architektur, die sich dem Stiften von Beziehungen und der Einbeziehung ihrer Umwelt widmet, die den Raum als Membran entwirft. Während Tatlin in Moskau einen neuen Gesamtzusammenhang von Mensch, Welt und Technik entwirft und Marinetti in Bologna das durchlässige Subjekt fordert, widmet sich Moholy-Nagy der Überwindung der klassischen Dichotomie von Innen – Außen.

Die anonyme Masse in den Städten demokratisiert das Konzept des Privaten, Einsamkeit und Isolation sind nicht länger dem privilegierten Großbürgertum und Adel vorbehalten, und die existentielle Erfahrung der allgemeinen Verlassenheit entwirft die Welt als Wüste. Parallel entwickeln sich Technologien des Transportes, der Kommunikation und der Vernetzung, die das Band um die Menschen zugleich enger schnüren. Häuser und Wohnungen werden an Gasleitungen und Kanalisation angeschlossen, das Telefon erobert zuerst den Hausflur, dann das Wohnzimmer und zuletzt die Hosentasche. Das Interieur wird erschüttert (Benjamin) durch Kabel, Leitungen und Funkwellen.

Das Haus selbst wird„zu einer Ruine, durch die der Wind der Kommunikation bläst“.Vilém Flusser

Auch in der Architektur wird mit dem Barcelona Pavillon von van der Rohe, dem Centre Beaubourg von Piano, Rogers und Franchini und nicht zuletzt der Fondation Cartier von Nouvel ein fließender, in alle Richtungen geöffneter Raum entworfen, der aus der Architektur hinausweist (Baudrillard). Transparenz, Spiegelung und vermeintliche Instabilität bleiben in der Architektur aber nur Andeutungen der konstanten Vernetzung, der virtuellen Nabelschnur, die das Subjekt durchgehend mit den Anderen rückkoppelt und ihre augenscheinliche Erfüllung im Paradigma des Streams sozialer Netzwerke findet. Erst im virtuellen, im elektronisch erweiterten Raum läßt sich kontemplativ das naturalisierte Fließen betrachten, die redundanten und doch irgendwie fesselnden Mikrokommunikationen, durchzogen von zielgerichteten Werbebotschaften und Hochzeits- und Kinderfotos von Menschen, die wir nicht wirklich kennen, deren Offenbarungen aber immer wieder unsere Aufmerksamkeit verführen.

Die architektonischen, künstlerischen und technologischen Visionen der frühen Avantgarde des 20. Jahrhunderts erweisen sich als Teil einer mächtigen paradigmatischen Maschine, was die Tendenzen der Auflösung, der Vernetzung und Kommunikation angeht. Bergson entwirft im frühen 20. Jahrhundert den phänomenologischen Subjektbegriff, in dem sich das Subjekt ekstatisch im Prozess der Wahrnehmung realisiert und somit die Grenze zwischen Innen und Außen selbst als Fixpunkt setzt. Statt Essenzen entwickeln sich strukturalistische Betrachtungen, um linguistische Gesetze auf alle Phänomene anzuwenden, die sich als Zeichenprozess betrachten lassen. Zeitgleich migriert die Idee des Dritten, des Dazwischen, des Mediums als Botschaft über den Kubismus in die sich formierende Medienphilosophie, die sich bezeichnenderweise selbst als eine Schnittstelle verschiedener Disziplinen versteht. Von Toronto aus wird nun ebenfalls die Überwindung des euklidischen Raums verkündet – die neuen elektronischen Bedingungen lassen die Trennung von Innen und Aussen, von Privat und Öffentlich hinter sich und öffnen den vernetzten, elektronischen Raum, innerhalb dessen sich die „Bewohner des globalen Dorfes“ mit ihren erweiterten, kühlen Sinnesorganen in einer einzigen vibrierenden Menschheit zusammenschalten. Diese bei McLuhan deutlich katholisch inspirierten teleologischen Versprechen sind in ihrer erlösenden Geste nicht weit entfernt von den Visionen, die einige Jahrzehnte zuvor in Moskau und Bologna propagiert worden sind.

Der Transport, die Kommunikation und zuletzt das Netz perforieren das monadisch konzipierte, cartesianische Subjekt. Der deterritorialisierte Nomade von Deleuze ist mitnichten die autonome Einheit von Leibniz, sondern viel eher das sich am Anderen entzündende Subjekt Bergsons. Der Mensch als Kern, das Subjekt, die Essenz, das Private – all das erweist sich im Laufe des 20. Jahrhunderts sowohl in der Architektur, in der Kunst, als auch in der Philosophie als eine reaktionäre Illusion, nicht mehr als der flüchtige Schatten einer Idee, eine halluzinierte, größenwahnsinnige Ahnung einer Autonomie, die sich als positivistische, anthropozentrische Ideologie entpuppt.

Sicherheit, Geborgenheit und undeutliche Uterus-Sehnsüchte (Eco) lassen Wohnen immer noch als einen geschlossenen Raum erscheinen, der von der Umwelt abgetrennt ist, der privat ist (privare – lat.: abtrennen, rauben). Diese Vorstellung ist natürlich falsch – längst ist der innere Raum der Wohnung aufgeladen mit symbolischen Funktionen, die eine globale Ideologie des Wohnens propagieren. Das angeblich Private ist durchzogen mit sozialen, ökonomischen und kulturellen Spuren und Resten, die das Subjekt durchgehend rückkoppeln und seiner Identität versichern. Die Durchlässigkeit der Wohnung steht nicht unbedingt im Widerspruch zu ihrer Sicherheitsfunktion – vielmehr komplettiert die virtuelle Nabelschnur der Kommunikation erst die wärmende Umgebung, die man innerhalb der Wohnung genießt. Der vernetzte Raum scheint zunehmend weniger Platz zu lassen für das, was als privat bezeichnet wird. Das Verborgene, das Geheime befindet sich nicht länger in der Wohnung, die sich inzwischen immer schon auf eine potenzielle Offenbarung, auf die Dinnerparty, auf die inszenierte Gastlichkeit, auf die Einladung ausrichtet und die Identität der Bewohner symbolisch ergänzt und authentisiert. Die anscheinend paradoxe Dialektik des heim-lichen Exhibitionismus wahrt zum Einen die Distanz gegenüber dem Gast, vermittelt ihm aber zugleich das Gefühl kontrollierter Nähe. So wird auch das Innere des Kühlschranks bei MTV Cribs zu einem wohlüberlegten Arrangement und führt das Versprechen unverstellter und innerster Einblicke der Sendung in einer gewissen Weise ad absurdum.

Die Ideologie des Wohnens wird produziert von dialektischen, dualistischen, paradigmatischen Maschinen, die sich immer noch aus dem augenscheinlichen Gegensatz von Nähe und Distanz, Innen und Außen speisen. Die identitätsstiftende Funktion der Einrichtung wird durch die serialisierte Individualität schwedischer Möbelhäuser oder die genormte Exzentrik etablierter Designer bewusst aufgegriffen. Proto-Individualisten bekommen die Ehre und die Autorität zugeschrieben, ihr Innerstes, ihre Wohnung, ihren ganz privaten Kern in einem exklusiven Einblick einer nach normierter Individualität strebenden Öffentlichkeit zu präsentieren. Eames, Van der Rohe, Nelson und das ausgefallene Flohmarkt-Fundstück komplettieren die neobürgerliche Idylle, und wenn es etwas von Ikea sein sollte, dann darf es wenigstens nicht danach aussehen. Das Subjekt erzählt sich in der Wohnung in der erlernten, kodierten Sprache des Geschmacks.

Der einstmals als stabil angenommene Ort des Privaten erscheint auch im Hinblick auf die Kommunikationstechnologien zunehmend als eine anachronistische Imagination – die Öffentlichkeit kommt durch das Mobiltelefon auf den Nachttisch, und die virtuelle Sozialität registriert mehr und mehr vormals als privat betrachtete Aktivitäten, Orte, Geschmäcker, Vorlieben und Einstellungen, um sie mit den Anderen abzugleichen. Die neuen Architekten der Algorithmen, die zunehmend unsere Umwelt gestalten, haben ihre futuristischen und konstruktivistischen Vorgänger längst vergessen – die Dissemination dieser Visionen in einen größeren kulturellen Gesamtzusammenhang ist eventuell eine der Motoren für das zeitgeistig daherkommende Problem der Transparenz, dass sich nicht mehr länger in der Architektur, der Kunst und der Philosophie artikuliert, sondern in der sozialen und politischen Praxis erscheint. Was bleibt vom Subjekt, wenn es als Schnittstelle existiert? Die Perforation des Privaten erzeugt zugleich Nischen in der Öffentlichkeit, in die sich das Subjekt zurückziehen kann, virtuelle Höhlen, die uns vor der zudringlichen Öffentlichkeit schützen. Das Private, das Verborgene und das Geheime ist nicht länger in der Wohnung (wenn es das denn jemals war), sondern lediglich die ganz subjektive, individuelle und persönliche Zurückhaltung, die uns sowohl im physischen als auch im erweiterten Raum davor bewahrt, uns gänzlich zu offenbaren. Das Private ist das, was (noch) nicht offenbart ist. Das bürgerliche Interieur gehört mit Sicherheit nicht dazu.

Die paradigmatischen Maschinen, gespeist von Dualismen, von Nähe und Distanz, von Kontrolle und Überwältigung, von privat und öffentlich, von Individualität und Normierung, stehen im historischen Schatten der heutigen Situation des Subjektes, die sich nicht zuletzt im Konzept des Wohnens zeigt. Während die hundert Jahre alten avantgardistischen Visionen als kapitalistische Farce wiederkehren und keine explizite Verbindung mehr mit ihren genealogischen Vorgängern haben, gerinnt das Innere zu einem bloßen Zitat, die Essenz des Subjektes entpuppt sich als eine ideologische Inszenierung von normierter Individualität, eine im besten Falle romantische Illusion – in der man aber trotz allem gerne zuhause ist.

 Referenzen

Giorgio Agamben: Das Offene: Der Mensch und das Tier Frankfurt/M. 2006.
Christoph Asendorf: „Knoten des zwischenmenschlichen Netzes“. Über Architektur und Kommunikation. Köln 2007.
Paul Auster/Paul Karasik: Stadt aus Glas. Berlin 2005.
Jean Baudrillard: Architektur: Wahrheit oder Radikalität? Graz 1999.
Régis Debray: Manifestes médiologiques. Paris 1994.
René Descartes: Meditationen über die Erste Philosophie. Stuttgart 2008.
Jörg Dünne/Hermann Doetsch/Roger Lüdeke: Von Pilgerwegen, Schriftspuren und Blickpunkten: Raumpraktiken in medienhistorischer Perspektive. Würzburg 2004.
Eva Eßlinger/Tobias Schlechtriemen/Doris Schweitzer/Alexander Zons (Hg.): Die Figur des Dritten: Ein kulturwissenschaftliches Paradigma. Frankfurt/M. 2010.
Vilém Flusser: Kommunikologie weiter denken: Die Bochumer Vorlesungen. Frankfurt/M. 2009.
Michel Foucault: Hermeneutik des Subjekts: Vorlesung am Collège de France (1981/82). Frankfurt/M. 2009.
Harold Innis: Empire and Communications. New Lanham 2007.
Bruno Latour: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Frankfurt/M. 2007.
Marshall McLuhan: Understanding Media: The extensions of man. London/New York 2006.
Maurice Merleau-Ponty: Das Auge und der Geist: PhilosophischeEssays. Hamburg 2003.