Die Angst vorm Gewinnen von Alexander Stolle

Runde I

Affenhitze in Berlin. Ich hab auswärts geschlafen und genieße die Gunst der Sonnenbrille, schau den Frauen unbemerkt in den Ausschnitt und auf die Kiste während ich meinen Eistee mit Kohlensäure trinke. Fast vor meiner Haustür klingelt mein Telefon. Moritz fragt mich ob wir irgendwas machen wollen. Hängen, trinken. Ich kontere direkt mit der Gegenfrage, ob er mit in die Spielo kommt. Wetter ist doch ideal.

Zu Hause suche ich das Behältnis meines achtjährigen Schotten, in dem ich seit geraumer Zeit einiges an Kleingeld ansparen konnte. Ich werfe sämtliche Sachen von der Couch auf den Boden und breite mein ganzes nordisches Gold auf der Sitzfläche aus. Überwiegend nur Zwanzigcentstücke. Sortieren, zählen, aufstellen. Meine kleine Armee. Immer Fünfertürme, je ein Euro. In Vierecksformation. Danach die Zehncentstücken, dann die 50er. Eine Strategie für die Spielo hab ich mir auch überlegt: BIS ALLES WEG IST.

Ich packe das Geld in ein königsblaues Samtsäckchen mit goldenen Kordeln zum Zuschnüren und mach’ mich in die Spur. Man könnte behaupten, die Weitlingstraße ist so der einzige Kiez in Lichtenberg, südlich der Frankfurter Allee, der das Bild von Berlin vermittelt, wie man es als Zugezogener erwarten würde. Buntes Treiben, viele Spätshops, Fressbuden und Bars. Ziemlich am südlichen Ende der Straße gibt’s eine große Sportbar. Normalerweise schauen wir dort immer Fußball oder spielen Pool. Aber ich weiß, dass die auch einen abgetrennten Raum mit Spielautomaten haben. Ich bin auf dem Weg zur Männertoilette oft daran vorbeigekommen. Obwohl heute ein großes Spiel läuft, ist die Bar leer. Der Poolraum auch. Die Kabine mit den Automaten nicht.

Sie ist klein. Vielleicht 17 Quadratmeter. Drei Automaten stehen nebeneinander. Am linken Automaten sitzt ‘ne richtige Kante. Er trinkt einen Kakao mit Sahne in einem schwarzen Shirt von irgendeiner Hass- und Gewalt-Marke. Breit gebaut, braun gebrannt. Seine Wasserarme aufgepumpt zum Durchmesser meines Oberschenkels. Die am rechten Automaten könnte seine Frucht sein. Ebenfalls sehr orange. Floral geschwungene Tribals schmücken ihren ganze Körper, ich erkenne einen Tunnel im rechten Ohr. Ihre Piercings reflektieren das bunte Lichterspiel des Automaten. Ich frage die zwei Schmucken, ob der Automat in der Mitte frei ist. Der Typ reagiert nicht mal auf minimalster Ebene. Sie erwidert gestresst, dass ich doch sehen würde, dass in dem Automaten Geld drin ist. Nee, seh’ ich nicht! Ich habe nicht mal den geringsten Dunst, wie das überhaupt funktioniert. Die Reportage vom Monarchen hab ich gesehen. Der Gurkenfeger, ein Typ der in den 80er Jahren mit seinem speziellen Talent das System der damals noch analogen Spielautomaten verstanden hatte. Die „Mint300“ waren seine Haupteinkommensquelle: 20.000 Mark im Monat. Er hatte sogar Angestellte.

Ich nehme Platz an der Bar und schau mir das Spiel an – mein Säckchen klimpert beim Setzen. Zeit vergeht. Zweite Halbzeit, zweite Tulpe.

Ab und zu gehe ich raus zum Rauchen. Mittlerweile bin ich vom Bartresen auf eine Ledercouchecke umgesiedelt. Hinter mir nehme ich Schritte wahr. Da, die aus dem Automatenraum! Sie geht an mir vorbei und verschwindet in einer anderen Tür – das Damenklo befindet sich auf der anderen Seite. Keine fünf Minuten später öffnet sich die Tür wieder. Stark geweitete Pupillen, Kiefer macht auch Disko. Also war sie wohl weniger austreten sondern nachlegen und ist jetzt wieder On Air. Sie verschwindet wieder im Automatenraum. Mannschaft A gewann gegen Mannschaft B mit zwei zu eins nach Verlängerung. Das Spiel ist vorbei. An den Automaten ist noch Betrieb. Ich hab die Schnauze voll, bezahle meine drei Kleinen und zieh’ ’n Kreis.

Runde II

Sonntagnachmittag, Doe und ich sitzen high auf weißen Gartenstühlen vor einem Spätshop und trinken Sprite. Es gelingt mir, ihn zum Spielen zu überreden. Im „Galaxy“. Im Wesentlichen der ersten Location ziemlich ähnlich. Man kann dort Queues schieben, Bier trinken, Dart spielen (kostenfrei). Wir interessieren uns jedoch wieder nur für den kleinen, abgetrennten Bereich mit drei Automaten. Da Doe den ganzen Speck und die Sprite bezahlt hat, darf er sich aus meinem Samtsäckchen bedienen. Neben der dicken Bedienung mit tätowierten, proportional viel zu kleinen Engelsflügeln auf dem Rücken und dem Opa, der am Tresen Bier aus Tulpen trinkt, sind wir die Einzigen in der Galaxie.

 

book-of-ra (01)

das Automaten Game Book of Ra von Novoline

 

Doe hat mir im Vorfeld erzählt, dass in „vernünftigen“ Spielotheken kein Alkohol ausgeschenkt werden darf und dass das Personal verpflichtet sei, nach einer gewissen Zeit den Spieler zu fragen, ob auch „alles in Ordnung“ ist. Wir bestellen zwei Brühen und setzen uns an die Automaten. Die Ledersessel hier sind noch neu. Der einzige Ventilator im Raum steht in der Automatenecke und dreht sich beschäftigt. Kleine Täfelchen auf dem Tisch neben den Maschinen werben dafür, dass „Wodka Energy“ heute 2,00 und das große Bier 1,80 Euro kostet. Die Aschenbecher sind voll. Zuerst werfe ich 1,60 Euro in Zwanzigcentstücken in den Automat. Mehrere Spiele stehen zur Auswahl. Ich spiele „Book of Ra“ und drücke auf „Autostart“. Die digitalen Walzen mit den Symbolen rotieren in drei Zeilen auf fünf Spalten auf dem Touchscreen des Automats. Gleich am Anfang gewinne ich 14 Euro. Keine Ahnung wie ich das gemacht habe. Diese 14 Euro wurden sofort meinem Spielguthaben gutgeschrieben. Da ich auf „Autostart“ gedrückt habe, läuft er, bis die 14 Euro weg sind. Doe hat überhaupt kein’ Dunst, der haut meine Kohle nur so raus. Langsam check ich, wie die Dinger funktionieren. Ich fühle mich wohl beim Roulette des kleinen Mannes. Bei Fünf-Cent-Einsatz pro Spiel, werden nur horizontale Kombinationen gewertet. Erhöhe ich auf 10 oder 20 Cent pro Spiel, werden zuzüglich vertikale und diagonale Kombinationen mit bewertet. Jeden höheren Gewinn ab 4,00 Euro lasse ich immer gleich auszahlen. Eine dreiviertel Stunde vergeht und ich bin richtig festgefahren. Doe hat bereits schon sein eigenes Geld klein gewechselt. Aber irgendwie stellt er sich zu doof an oder der Automat ist ein Kämpfer. Ich habe 30,00 Euro gewonnen. Was heißt gewonnen? Ich ging mit 24 rein und geh mit 30 raus. Doe kommt mit. Gut, dass er dabei war. Ich schlage ihm vor, was essen zu gehen.

Direkt um die Ecke ist der „Don“. Eines von diesen Restaurants, welches von vornherein auf alle Speisen 50% anbietet. Wir essen beide verhältnismäßig gut mit Vorspeise und Getränk für weniger als 7,00 Euro pro Person. Ein weiterer Freund aus der Nachbarschaft ruft mich an und fragt, was wir treiben und ob wir Bier trinken wollen. Wenige Minuten später ist Kalle dann da. Ich sage ihm, dass im „Galaxy“ die Brühe heut’ im Angebot ist und wir dort kostenfrei Dart spielen können. Insgeheim habe ich das Verlangen, den Automaten wieder aufzusuchen. Ihn wieder zu füttern. Ich male mir aus, dass ich mir, wenn ich 80,00 Euro gewinnen würde, einen neuen Jogginganzug kaufen werde. Im „Galaxy“ ist immer noch nicht viel los. Das dicke Engelchen langweilt sich sichtbar, an den Tresen gelehnt und spielt „Fruit Ninja“ mit ihrem weißen, mit Stickern beklebten iPhone. Der Tulpen-Opi ist nicht mehr da. Nur ein Typ mit Skateboard, der alle drei Automaten gleichzeitig spielt und Cola trinkt. Als ich in seine Richtung sehe, nickt er nur. Eine Art Spielersolidaritätsgruß. Wir lassen uns in der großen Sitzecke nieder und bestellen drei Pils. Der Dartautomat steht direkt gegenüber von den Spielautomaten. Das Engelchen bringt uns Pils und Pfeile. Ich kann genau sehen, was bei Tony Hawk so abgeht. Ich weiß nicht, wieviel er reingeworfen hat, aber auf zwei von drei Automaten war ein beträchtliches Sümmchen. Bestimmt 150,00 Euro. Aus der Tür des Personalraums kommt ein junger Türke komplett in Weiß. Im Armani T-Shirt und einer Tasche, die auf mich den Eindruck macht, als wäre sie voll mit Scheinen. Seine S-Klasse parkt zweite Reihe vor der Tür. Er redet kurz mit der Tresenkraft und geht zum Auto. Die zweite Runde hab ich schon verloren. In der vierten Runde höre ich, wie sich Tony Hawk am Automaten den Gewinn auszahlen lässt. Der Automat spuckt immer Zweieurostücke aus und ich versuche, mitzuzählen, wieviel er rausholt – so um die 70,00 Euro werden es gewesen sein. Am ersten Automaten hat er 2,00 Euro liegen lassen. Ich greife sie mir, schließe die Hand zur Faust und küsse sie. Dann werfe ich die Münze ein und setze zehn Cent pro Spiel. Innerhalb von eineinhalb Minuten ist das Geld weg. Ich gehe zurück zur Sitzecke und suche mein Portemonnaie. Ich lege 10,00 Euro fürs Bier bei Seite und geh’ mit den restlichen 7,00 Euro zum Automaten. Die Jungs spielen die nächsten Runden Dart ohne mich. In einem kurzen Lichtblick, hatte ich 6,00 Euro gewonnen und bin auf Risiko gegangen, um zu verdoppeln. Ich spiele weiter. Alles weg.

Runde III

Ich sitze sehr bequem, fast identisch von der Bequemheit zu den letzten Malen, an einem „Merkur“ in der hintersten Ecke des „Aga’s“ und trinke die Hausmarke für 1,20 Euro. Die alten Wimpel an den holzbeschlagenen Wänden stammen aus Zeiten, in der Dynamo Dresden noch erste Liga spielte. Die Bedienung ist eine zierliche blonde, 1,60 m kleine, verwelkte Blume mit Fönfrisur. Bei jedem bisher gebrachten Bier schaute sie mir irgendwie sehnsüchtig tief in die Augen. Früher hat sie auch erste Liga gespielt. Die Holztafel hinterm Tresen verspricht mir das zehnte Bier für umme. Also, bald Bergfest. Durch die vergilbten Gardinen im ost-nostalgischen Spitzenmuster sieht man das Licht der Straßenlaternen in den Pfützen brechen. Mit zwei Zehnern füttere ich den „Merkur“. Die letzte Spielsession ist schon einige Monate her. Ab und an zwischendurch mal ‘ne Münze reingesteckt vielleicht – nichts Großes. Ich wähle irgendein Spiel mit Früchten. Das Prinzip ist sowieso immer das Gleiche, nur die Bilder sehen anders aus. Diesmal rotieren halt Früchte. Eine Runde älterer, lautstarker Norberts und Achims, vielleicht Ende 50, untermalen ihr Gelage mit Skat. Vokuhila’s, Flanellhemden und Blaumannlatzhosen. Olibas, ausgeblichene Steppjacken, F6 Raucher. Das Gedudel der Automaten kommt mir hier leiser vor. Ich mache bei den ersten drei Runden gut 6,00 Euro plus – Bananenkombo – bei Zehn-Cent-Einsatz pro Spiel. Den Gewinn lass ich nicht jedes Mal auszahlen. Es läuft gut, mutig erhöhe ich auf 50 Cent. Zehn Runden. Nichts. Gewinn weg. Ich gehe wieder runter auf 20 Cent und lass einfach mal laufen. Ich rauch eine. Innerhalb von zehn Minuten haben sich die ursprünglichen 20,00 Euro halbiert. Ich bleib’ cool. Also ich versuche, cool zu bleiben, denn das kotzt mich grad echt an. Nach einigen Runden bekomme ich zehn Bonusspiele. Die Beilaunehalter. „Merkur“ erbarmt sich, mir 5,00 Euro zu gewähren. Das Konzept der Spielemacher geht auf. Ich erhöhe auf 1,00 Euro pro Spiel. Fünf Runden – da muss doch was gehen. Die Freude hält sich in Grenzen. Während meiner letzten 6-Euro-Spielguthaben habe ich entdeckt, dass ich durch wiederholtes Drücken des Startknopfes die Walzen auch manuell stoppen kann. Ab da an drücke ich erst euphorisch, dann zweifelnd, irgendwann nur noch lustlos auf den Knopf. Gebracht hat mir das nichts, abgesehen davon, dass ich den zeitlichen Abstand von Verlust zu Verlust nur verringert habe. So sieht mein Expertentum aus. Nun habe ich gerade noch so viel Geld, um die sieben Brühen zu bezahlen und kann mir nicht mal meine „Bonus Zehn“ abholen. Blondie bringt mir Nr. 7, ich drehe den Bierdeckel um – steht natürlich nichts drauf. Zum Glück habe ich nicht gewonnen, auch beim dritten Versuch nicht. Sonst wäre ich vielleicht süchtig geworden bei dem Spiel. Oder reich.